Seit der frühesten Gestaltung bei Hesiod (ca. 700 v. Chr.) beschäftigt der Pandora-Mythos Schriftsteller und Philosophen. Pandora ist von Zeus zur Erde geschickt worden, um sich an dem »Menschenbildner« Prometheus zu rächen; das Öffnen ihrer mitgebrachten »Büchse« lässt alles zuvor eingeschlossene Elend, alle Übel, Laster und Krankheiten frei, nur die Hoffnung bleibt zurück. In späteren Versionen nähert sich Pandora der biblischen Eva an: Beide hätten durch ihre Verführungskunst die Vertreibung des Menschen aus dem früheren paradiesischen, glücklichen Urzustand bewirkt. Der den Aufklärungsideen verpflichtete Dichter Christoph Martin Wieland geht hier andere Wege: Hat er zunächst noch in einem nicht ganz ernst gemeinten Essay von 1770 postuliert, bei der Büchse der Pandora habe es sich um eine Schminkbüchse gehandelt, woraufhin alles Natürliche gegenüber dem »Geschminkten« gelitten habe, so deutet er in seinem »Lustspiel mit Gesang« von 1789 den antiken Mythos erneut radikal um: Die Öffnung der Büchse habe zwar ein Herausgehen des Menschen aus jenem unschuldigen Zustand zur Folge, sei aber für die Entwicklung der Menschheit zu einem selbstverantwortlichen, bewussten Dasein notwendig. Die Götter sind nicht die Feinde des Menschen, sie helfen ihnen vielmehr zu einem glücklichen, erfüllten Leben, indem sie ihnen Musik und Dichtung geben. Den Gipfel der Versöhnung stellt die Vermählung des Prometheus mit Pandora dar: Ihr gemeinsames Kind soll »Hoffnung« heißen. – Mit seinem humoristischen Stück liefert Wieland einen deutlichen Gegenentwurf zu der eher »titanischen« Rezeption der griechischen Mythologie durch die Weimarer Klassiker.